Vom Austauschsemester zum Master-Studium: Gittes Weg nach Korea

Enge Gassen, Leuchtreklame, die die Nacht zum Tag werden lässt, undurchschaubares Menschengewusel: Klischees waren auch unter den eher vagen Vorstellungen, die Gitte Zschoch, 24, hatte, als sie vor mehr als drei Jahren zum ersten Mal die weite Reise über Kontinente und Meere nach Korea antrat. Als Austauschstudentin verbrachte sie zwei Semester an der Seoul National University, während derer sie sich über kurz oder lang Tag für Tag in engen Klassenzimmern auf kleinen Stühlen mit noch kleineren Klapptischen wiederfand, um Koreanisch zu lernen.

Gitte Zschoch in Korea

Das war so gar nicht geplant gewesen. Eigentlich studierte Gitte Literaturwissenschaften, und dass es sie zum Auslandsstudium nach Korea verschlug, war fast schon Zufall. Dann kam aber diese Sprache dazwischen, deren Eigenheiten und Andersartigkeit sie faszinierte, die aber nicht innerhalb eines Jahres zu meistern ist. Die restliche Zeit, die neben den Sprachkursen noch übrig blieb, war Entdeckungstouren gewidmet. Die Neugier war groß, denn bunte Vergnügungsviertel in der nie schlafenden Megametropole Seoul wollten genauso erkundet werden wie tief in den Bergen gelegene buddhistische Tempel, von blitzenden Hochhäusern umgebene Paläste und den Blick auf das Meer freigebende Berggipfel.

Nach zehn abenteuerreichen Monaten ging es vorerst zurück nach Deutschland, wo nach dem Abschluss des Studiums feststand, dass es zurück gehen sollte in dieses kleine Land mit seiner einzigartigen Sprache. Im März 2008, nach einigen Monaten intensiven Koreanisch lernens, nahm Gitte ein Master-Studium der koreanischen Literatur auf, wieder an der Seoul National University. Durch dieses Hervortasten und mit zunehmender Sprachbeherrschung kann die Begegnung mit dem fremden Land auf immer tiefgründigere Art und Weise erfolgen. Als Ausdrucksmittel dafür dient Gitte ihr Blog „Seoulmate“, auf dem sie seit Februar 2005 ihre Eindrücke anderen interessierten Lesern zugänglich macht. Zu den Zeiten als Austauschstudentin war das Schreiben eher geprägt von persönlichen Erlebnisberichten. Nun ist der Blog etwas weniger privat geworden und versucht, das Land und seine Menschen an sich besser zu verstehen.

Gitte Zschoch in Korea

Die Auseinandersetzung mit Korea gestaltet sich nicht immer einfach. Auch wenn die positiven Eindrücke überwiegen: Gerade am Anfang wirkten manche kulturelle Eigenheiten unverständlich oder gar verstörend. Die stark ausgeprägte Hierarchie als Art der Gesellschaftsorganisiation, die im grundlegendsten menschlichen Kommunikationsmittel, der Sprache, verankert ist, kann Zweifel am Sinn für Gerechtigkeit aufkommen lassen. Rabiat scheint manchmal auch der Umgang der Menschen miteinander. Da wird gedrängelt, auf die Füße getreten, Kindern oder dem Partner wird, anstatt zu streicheln, eher auf den Rücken geklopft. Überhaupt der fehlende „Sicherheitsradius“ um einen herum, egal ob in überfüllten Bussen oder im Gespräch mit engen Freunden, in denen man die Hand des Gegenübers auf dem eigenen Knie oder der Schulter wiederfindet. Dagegen stehen dann wieder fehlende Umarmungen zwischen guten Freunden zur Begrüßung oder zum Geburtstagsglückwunsch. Solche scheinbaren Paradoxe gibt es noch viel mehr. Je länger man aber hier lebt und je tiefer man in die Kultur eintaucht, desto besser versteht man das Benehmen auch. Nicht, dass man jede Verhaltensweise erklären kann, aber man entwickelt eine Art Gelassenheit, die andere Kultur für sich stehen zu lassen und sie so zu akzeptieren, wie sie ist. Die spannende Herausforderung des Lebens in Korea ist für Gitte, seinen eigenen, speziellen Platz im Gesellschaftsgefüge zu finden.

Auf dem Blog vermitteln viele Bilder außerdem einen visuellen Eindruck von Korea. Mit der Kamera macht sich die Autorin auf die Suche nach dem Schönen, das manchmal wie verschüttet scheint, weil sich in Korea alles so schnell bewegt und verändert.


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